Ein trotzig-trauriges Jubiläum

Veröffentlicht am 07.07.2011 in Presse im Wahlkreis

Böblinger Kreiszeitung vom Mittwoch 06.07.2011

Ehemalige STP-Mitarbeiter trafen sich gestern zum 100. Mal in der Betriebsseelsorge

Es ist ein trauriges und ein klein wenig trotziges Jubiläum zugleich: Gestern trafen sich ehemalige STPler zum 100. Mal in der Katholischen Betriebsseelsorge. Das Aus des Halbleiterherstellers in den Jahren 2002 und 2003 beschäftigt manche Mitarbeiter noch immer.

Von Otto Kühnle

BÖBLINGEN. Vor dem katholischen Betriebsseelsorger Walter Wedl quillt Papier aus einem dicken Ordner. Teilnehmerlisten aus zehn Jahren, Protokolle. "Ich kenne keine Belegschaft, die so lange nach der Insolvenz noch Kontakt hat", lobt er die ehemalige Betriebsratsvorsitzende Gisela Haupt, die den Laden zusammenhält. Zusammen mit Wedl hat sich die 64-Jährige all die Jahre um die rechtlichen, finanziellen und sozialen Belange der Menschen gekümmert. Und zu kümmern gab es viel, nachdem am 16. September 2002 die Hälfte der 720 Mitarbeiter des Sindelfinger Halbleiterherstellers den Job verlor.

Die Geburtsstunde des STP-Treffs. Am Goldberg. Eine Woche später war schon die Katholische Betriebsseelsorge Gastgeber. "Viel Wut, wir haben viele Prügel abbekommen", erinnert sich die Ex-Betriebsratschefin an die ersten Reaktionen. Die nicht besser wurden, als Ende Juli 2003 der Rest der Belegschaft des ehemaligen IBM-Werks den Job verlor.

Die beiden ersten Jahre kamen 160 bis 180 Teilnehmer wöchentlich, heute sind es 20 bis 30 - einmal im Monat. Ab 2004 waren Haupt und Wedl vor allem mit einem Thema beschäftigt: Wer bezahlt die Betriebsrenten, die zu IBM-Zeiten erworben wurden? Denn "das Geld war beim Betriebsübergang zu Maier & Cie nur formal bei der IBM geblieben", hieß es die Zuständigkeit über das Arbeitsgericht klären lassen. Was dauerte. Denn erst im Jahr 2008 fiel die Entscheidung, dass der Pensionssicherungsverein (PSV) einspringt und die Ansprüche befriedigt. Die allerdings nicht dynamisiert wurden. "Die Leute fühlten sich doppelt beschissen", beschreibt Wedl drastisch den Kampf um die Renten. Rechtlicher Rat und Rechenkünste waren auch gefragt, als 2006 Gehaltsansprüche aus der Insolvenzmasse berechnet werden mussten und 2007 das Gelände an Daimler verkauft wurde. Und auch da traf es manche Beschäftigten hart, mussten sie sich doch das Gehalt aufs Arbeitslosengeld II anrechnen lassen.

Es waren immerhin 420 Ex-Beschäftigte, die an den PSV ihre Daten akribisch mitteilen mussten - was nicht ohne die Hilfe von Haupt und Wedl im Treff ging, die die Adressen teils erst ausfindig machen mussten. Denn "nur wer antwortet erhält eine Rente", weiß Haupt und freut sich über ein Dankschreiben eines Betroffenen, das sie in ihrem Ordner aufbewahrt. Wie ihr PC noch voll ist mit Bewerbungsschreiben, bei denen sie half. Doch drei Jahre nach der Schließung waren erst 20 Prozent in Arbeit. Und heute sind viele in Minijobs und Zeitarbeit, "da müssen manche monatlich zum Job-Center, um sich den Aufstockungsbetrag berechnen zu lassen", schildert Wedl die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt. Auch die machen den Treff nicht überflüssig. Und noch immer gilt es für das Rentner-Sterbegeld und Versorgungssummen beim Tod vor Renteneintritt zu kämpfen. Der 100. Treff der STP-Mitarbeiter war also nicht der letzte. Lange Nachwehen der Insolvenz der einst hochgerühmten Halbleiterherstellung im schwäbischen Silicon Valley.

 

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